Chronik eines Denkwegs

Nachhaltigkeit anstreben kann so vieles heißen: erneuerbare Energien nutzen, Boden ohne künstlich-chemischen Energieeintrag verbessern und fruchtbarer machen, ökologische Utopien entwickeln und umsetzen, neue Lebensformen ausprobieren und leben. Alles das können wir entschleunigt wahrnehmen, mit allen Sinnen, auf einer Tour, nur durch die eigene Muskelkraft angetrieben, wandernd durch die Ausläufer des Erzgebirges. Hier wo der Begriff der Nachhaltigkeit, durch die Folgen des Jahrhunderte währenden Raubbaus an der Natur, notwendiger Weise entstanden ist, wo Bergbau und Abholzung untrennbar verbunden waren.

Wir starten im Gemeinschaftsgarten Gartenutopie Chemnitz e.V. an der Peterstrasse mitten im Wohngebiet Sonnenberg, 10 Gehminuten vom Chemnitzer Hauptbahnhof entfernt. Neben dem sozialen Aspekt des gemeinsamen Gärtnerns mitten in der Stadt ist mir hier besonders die Arbeit mit Terra Preta oder Pflanzenkohle aufgefallen, die richtig hergestellt und angewendet zu überraschenden Ergebnissen besonders im Gartenbau führen kann und dabei hilft, ganz naturverbunden, öde Brachen in blühende Nutzgärten zu verwandeln. Das hätte sicher auch SCHREBER gefallen, obwohl er sich wahrscheinlich, ganz im Geiste seiner Zeit, an der scheinbar unstrukturierten Gestaltung des Gartens gestört hätte.

Weiter geht es auf unserem 5-tägigen Weg nach Tharandt vorbei an der Talsperre Euba. Ein Bauwerk für die Versorgung des im Tal gelegenen ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerkes Chemnitz mit Brauchwasser. Dieses Werk feiert 2019 sein 150-jähriges Jubiläum. Es wird nicht der letzte Bezug zur langen Industriegeschichte der Region auf unserer Tour sein. Wir verlassen das Bauwerk in der Hoffnung auf eine nachhaltige Weiternutzung.

Auch die Landwirtschaft und Nutztierhaltung ist ein Merkmal der Jahrhunderte alten Besiedlung des Erzgebirgsraumes. Es erscheint daher ganz folgerichtig, dass man sich in der Nutztierarche im Immenhof Eula auf die Pflege und Erhaltung alter Nutztierarten besinnt. Zusammen mit dem Passivhaus, der Bienenhaltung und dem Permagarten ein wunderbares Beispiel nachhaltigen Wirtschaftens.

Zwei ganz anders gelagerte Beispiele der Bewahrung der Historie werden noch folgen. Das erste in Flöha: die Alte Baumwolle – ein ehrgeiziges Projekt der Stadt Flöha zur Revitalisierung einer gründerzeitlichen Industriebrache. Die warmroten Ziegel der alten Klinkerbauten laden zu einer Besichtigung des Geländes ein und machen neugierig auf die zukünftige Nutzung. Zuvor hatte der wunderschöne Park der Baumwolle unser Picknick malerisch umrahmt und uns für die weitere Strecke belebt.

Das zweite Beispiel folgt am nächsten Tag: die Muldenhütten bei Freiberg. An einem natürlichen Muldenbogen gelegen, der idealtypisch die Nutzung der Wasserkraft für wirtschaftliche Zwecke erlaubt, finden wir ein viele hundert Jahre altes Hüttenareal, das heute eine Nutzung zwischen Industriemuseum und moderner Recyclingindustrie beherbergt. Wir erfahren, dass vom Hüttenareal die inzwischen erfolgreiche Bewerbung der Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří um den UNESCO-Weltkulturerbe Titel ausging. Neben der auf den ersten Blick fast idyllischen Rekultivierung des Gebietes, werden beim zweiten Blick die schweren Opfer der Natur für die wirtschaftliche Entwicklung der Region sichtbar. Wir verneigen uns mit einem Picknick auf einer nahen rekultivierten Hüttenbrache.

Der teilweise stark geschädigte sächsische Forstwald begleitet unsere Tour. Eine Gewöhnung an dieses ständig präsente Bild der sterbenden Fichten will sich nicht einstellen. Da bieten Projekte wie der Naturerlebnishof des Weidegut Colmnitz eine willkommene Hoffnung. Nutztiere in artgerechter Haltung ganz im Gegensatz zur industriellen Produktion, führen uns vor Augen, wie viel mehr das Weniger sein kann, auch wenn es für den Konsumenten Verzicht auf gewohnte Mengen an tierischen Erzeugnissen bedeutet.

Eine ganz ähnliche Hoffnung geht von dem mehrfach prämierten Dorf Kirchbach aus.

Hier setzt man seit den frühen neunziger Jahren auf Sanierung der alten Bausubstanz im Gegensatz zu Neubau. Daher können wir zahlreiche Drei- und Vierseitenhöfe bewundern und werden wie selbstverständlich im Ortsbild um mehr als einhundert Jahre zurückversetzt. Das Dorf wirkt dennoch keineswegs museal und diese bauliche Erhaltung geht mit einer gleichbleibenden Einwohnerzahl und einer erfreulich intakten Altersstruktur einher. Eine Qualität, die in sächsischen Dörfern selten geworden ist.

Die letzte Etappe hat Tharandt und den Forstbotanischen Garten zum Ziel. Hier wird im Sinne von CARLOWITZ und COTTA forstwirtschaflich experimentiert, um Zukunftschancen von Gehölzen zu bewerten und neue Wege zur Rettung der Forstwälder zu erkunden. Ulrich Pietzarka, Kustos der Einrichtung, lässt keinen Zweifel an der Komplexität und Schwere der Aufgabe, den problematischen Zustand der sächsischen Forste zu verbessern. Geprägt durch Fichten-Monokulturen geht die sächsische Forstwirtschaft einer ungewissen Zukunft entgegen. Erprobte Lösungen sind nicht vorhanden, einzig die Bewahrung und Verbesserung der Diversität in der Flora und Fauna der Wälder versprechen eine Chance, die Krise langfristig zu meistern.

Der Verlust an biologischer Diversität begleitet auch die intensive Landwirtschaft. Einige Folgen waren auf unserem Weg nicht zu übersehen. Artenarmut, mangelnde Ausgleichsflächen mit Wildbiotopen, minimale Feldrandstreifen und Bodenerosion durch Schlammlawinen nach Starkregen auf frisch gepflügten Äckern, die im Tal zu Gebäudeschäden führen. Aber es geht auch anders. Auf der Johannishöhe bei Tharandt besuchen wir das Umweltbildungshaus. Zum Abschluss unserer Tour lernen wir hier die wohl extremste Form der Nachhaltigkeit kennen, die Autarkie. Diese spezielle Lebensweise zielt auf geschlossene Stoff- und Energiekreisläufe und wäre für Viele mit der Aufgabe gewohnter Bequemlichkeiten verbunden. Komposttoilette zur Nutzung fester menschlicher Ausscheidungen und Pflanzenkläranlage für die anfallenden Abwässer verhindern den Verlust wichtiger Ressourcen für die nachhaltige Landwirtschaft. Alles was über den Bedarf erwirtschaftet wird, gelangt über Bioläden zu ökologisch denkenden Konsumenten.

Zur Auswahl der Orte und der Choreographie unserer Wandertour kann man die Initiatoren Leonie Rhode und Bertram Weisshaar nur beglückwünschen. Diese Tour macht Lust auf mehr und nährt den Wunsch, den von Bertram ins Leben gerufenen Denkweg von Aachen nach Zittau komplett zu absolvieren. Vielen Dank für Euer Engagement und Eure Mühe!

Ulrich Grober half unserem Verständnis der Nachhaltigkeit auf drei Tagesetappen, inspirierte uns zum Wandern mit allen Sinnen, zur Versprachlichung unserer Eindrücke, und war ein willkommener Begleiter auf den Wegen. Herzlichen Dank!

Herzlichen Dank auch all jenen, die diese Projekte begleiten und InteressentInnen zugänglich machen: Julia Fromme (Ortschronistin Euba), Heike Janthur (Immenhof Euba), Roland Kowar (Muldenhütten), Frau Titel (Naturerlebnishof Weidegut Colmnitz), Dr. Ulrich Pietzarka (Kustos des Forstbotanischen Garten Tharandt) und Milana Müller (Leiterin des Umweltbildungshaus Johannishöhe).

CARLOWITZ und COTTA haben von Sachsen aus einen Weg für forstwirtschaftliche Nachhaltigkeit aufgezeigt. Aber alles wirtschaftliche Tun muss wieder nachhaltiger werden. Der Denkweg ist eine Hoffnung für jede/en Einzelnen, buchstäblich die wichtigen Schritte zu mehr ganzheitlicher Nachhaltigkeit zu gehen.

Knut Krohn, Leipzig, am 8.9.2019