Durch Neuland; 6.10.2019
Zwischen Relikten der alten, landwirtschaftlich geprägten Zeit treffen wir zusammen zur ersten Tagesetappe: Der Ortsteil Warden am Rande der Stadt Alsdorf besitzt noch heute eine überkommene, dörfliche Struktur. Beispielsweise finden sich in der Straße „Am Alten Gericht“ gleich mehrere ehemalige Bauernhöfe, erkennbar an den großen Toreinfahrten mit ihren imposanten Rundbögen. Zwar entwickelte sich das Dorf Warden mit „dem Beginn der Steinkohleförderung auf der benachbarten Mariagrube (Mariadorf) im Jahre 1848 […] zu einem Bergmannsort“, jedoch ohne daß sich der Dorfcharakter dadurch wesentlich verändert hätte. (www.alsdorf-online.de/geschichte/ Kapitel 4.22 – Seite 3)
Und eben hier brechen wir auf zur ersten Tagesetappe der LandPartie „Kohle ohne Ende?“, um nur schon wenige Meter weiter die „alte Zeit“ zu verlassen und „Neuland“ zu betreten: Der Braunkohletagebau „Zukunft West“ kam 1966 bis an den Ortsrand von Warden heran. Einige Häuser in der Straße „Am Alten Gericht“ wurden abgerissen, die betroffenen Familien umgesiedelt. Inzwischen ist der Tagebau wieder verfüllt und rekultiviert. Heute zeigen sich direkt hinter dem Ortsrand Äcker, die aussehen, wie andere auch. Wer diese jüngere Geschichte nicht kennt, wird sie in der Landschaft nicht unbedingt von selbst erkennen, auch nicht diese bemerkenswerte Linie, die den Übergang in das „Braunkohleland“ markiert.
Zu unserem Glück haben wir einen kundigen Begleiter dabei: Franz Wings wurde 1938 in dem Dorf Langendorf geboren und übernahm dort den elterlichen Hof. Er sei gerne Landwirt gewesen, schildert er uns – bis das Dorf schließlich 1977 durch den Tagebau „Zukunft West“ abgebaggert wurde und er umsiedeln musste. Wings führt uns über asphaltierte Feldwege entlang dem „Historischen Pfad“, welcher mit einer Reihe von Gedenksteinen und Informationstafeln an mehrere verschwundene Dörfer und Weiler erinnert und bei dessen Gestaltung Wings mitgearbeitet hat.
Auf dem Weg zum ersten Erinnerungsort sprechen wir über die Bedingungen der Landwirtschaft auf rekultivierten Tagebauflächen. Der ehemalige Landwirt Wings erklärt uns, die ursprünglichen Böden hätten aus einer zehn bie fünfzehn Meter mächtigen Löss-Schicht bestanden und mit einer Bodenwertzahl von 95 zu den besten Böden in Deutschland überhaupt gezählt. Die rekultivierten Ackerflächen nach dem Bergbau haben nun eine um etwa 10 bis 15 Bodenwertpunkte schlechtere Qualität – sie liegen damit aber immer noch um einiges höher als etwa die Ackerflächen im nahen Rheinland.
Bald schon erreichen wir den ersten Gedenkort, die ehemalige Ortslage von „Langweiler“. Das „Vokabular“ der Gestaltungselemente zur Erinnerung der abgebaggerten Dörfer ist rasch erfasst: Meist markiert ein großer Stein mit einer Inschrifttafel den Ort, häufig ergänzt um ein Steinkreuz und eine Sitzbank. Bemerkenswert ist der gepflegte Zustand – ohne kontinuierliche Pflege hätten Brombeerranken und Gebüsch diese Erinnerungen längst schon überwuchert.
Einige der umgesiedelten Landwirte bauten in dem neu gegründeten Weiler-Langweiler einen neuen Landwirtschaftsbetrieb, optimiert für die Zukunft als Aussiedlerhof außerhalb einer gewachsenen Ortschaft. Zumindest für einen dieser Höfe sei die Zukunft erneut ungewiss – wegen ungeklärter Hofnachfolge.
Hinter dem Weiler „Langweiler“ folgen wir einer Allee. Lässt man den Blick schweifen über diese „Landschaft nach der Braunkohle“, erkennt man weitere Baumreihen und Hecken entlang der Feldwege. So zeigt sich dieser rekultivierte Tagebau strukturreicher, als dies in manch anderen Gegenden mit deren „Agrar-Wüsten“ anzutreffen ist – eine Beobachtung, die man aus der Ferne so erst einmal nicht vermuten würde. Sollte man von dieser Landschaft nach der Braunkohle gar etwas lernen können – wie Agrar-Wüsten rekultiviert werden könnten? Ein Gedanke, der nicht so recht zu den hitzigen Debatten über den Kohleausstieg zu passen scheint.
Wir erreichen kurze Zeit später den Rand eines noch jungen Waldes, biegen hier in einen schmalen Pfad ein, der uns an den Blausteinsee führt und zum Naturhaus Rheinland der Stiftung Rheinische Kulturlandschaft. Ist dies Braunkohlentagebau-Restloch also Teil der Kulturlandschaft? Über solcherlei Fragen wollen wir uns in dem Informationszentrum austauschen mit Frau Jutta Pletz.
An einigen Tagen im Jahr sei der See eigentlich schon zu klein, erfahren wir. Der Zuspruch der Bevölkerung für dieses noch junge Naherholungsgebiet habe sich sehr rasch entwickelt. Auch Zugvögel besuchen den See gelegentlich für eine Rast, was in einem Jahr schon einmal zu Problemen mit der Wasserqualität führte. Das Wasser ist überhaupt ein Dauerproblem: Entgegen der ursprünglichen Prognose versickert weiterhin ein erheblicher Teil des eingespeisten Wassers, weshalb möglicherweise bis ins Jahr 2060 immer wieder nachgefüllt werden muss.
Unser Begleiter Franz Wings war während seiner Zeit als Kommunalpolitiker dafür eingetreten, dass der Blaustein-See letztlich ca 100 Hektar kleiner realisiert wurde, als dies zu Anfang noch geplant war. Motiv und Antrieb hierfür war seine Einstellung, dass wertvolles Ackerland wichtiger sei als eine große Wasserfläche für Naherholung.
Unter Naturfreunden genießt der Blausteinsee inzwischen besondere Beachtung. So etwa haben die NaturFreunde Eschweiler rings um den See den Informationspfad WasserWeg angelegt. Albert Boschardt, einer der Mitwirkenden, begleitet uns eine Strecke und schildert einige Besonderheiten dieses Landschaftschutzgebietes.
Unweit vom Blausteinsee erreichen wir zum Ende der ersten Tagesetappe den Ort Frohnhoven (heute ein Ortsteil von Eschweiler). Bis unmittelbar an dessen Ortsrand heran reichte einst der Tagebau – einige Häuser wurden abgerissen. Von Ortsrand zu Ortsrand waren wir an diesem Tag etwa fünfzehn Kilometer über abgebaggertes und wiederverfülltes Land gewandert. Erst jetzt stehen wir wieder auf „gewachsener Erde“.
Entlang der alten Dorfstraße von Frohnhoven reihen sich einige alte Bauernhäuser mit großen Toreinfahrten, wie wir solche zu Beginn in Alsdorf-Warden ebenfalls sehen konnten. Ganz anders zeigt sich hingegen das südlich an Frohnhoven angebaute Neu-Lohn. Hier haben sich durch den Bergbau umgesiedelte Familien niedergelassen und dabei – vermutlich mehr oder weniger bewusst – ihre Vorstellung vom Leben auf dem Lande baulich manifestiert. Der Gang durch diese Siedlung gleicht einem Gang durch eine kleine Bauausstellung, den man möglichst rasch hinter sich bringen möchte. An dem Kirchenneubau St. Silvester beenden wir die erste Tagesetappe.
Text: Bertram Weisshaar
Fotos: Leonie Rhode, Bertram Weisshaar