Hans Carl von Carlowitz – Die Entdeckung der Nachhaltigkeit

von Ulrich Grober

(erschienen in der Zeitschrift „natur“, Heft 03/2013)

Die Spurensuche führt nach Freiberg, der alten „Silberstadt“ in den Ausläufern des Erzgebirges. Der Schauplatz hat sein historisches Fluidum bis heute bewahrt: In der Häuserfront einer Gasse, die in einer langgestreckten Krümmung vom Schloß zum Dom führt, erhebt sich ein wuchtiger spätgotischer Bau. Hinter seinen dicken Mauern hat seit 350 Jahren ununterbrochen das sächsische Oberbergamt seinen Amtssitz. Von hier aus wurde der sächsischen „Bergstaat“ geleitet. Im 17. Jahrhundert war das noch ein Montanrevier von europäischem Rang. In Hunderten von Gruben schufteten Tausende von Bergknappen, förderten das Erz zu Tage und verarbeiteten es in holzfressenden Schmelzöfen zu Metall: Silber, Kupfer, Zinn, Kobalt. Das gedrungene Portal des Gebäudes ist von Steinbänken flankiert und mit einem Baldachin beschirmt. Durch eine schwere Holztür betritt der Besucher das Innere.

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Die Eingangshalle versetzt einen in eine andere Zeit. Das tief herabgezogene, auf eine Säule gestütztes Sterngewölbe, heute kalkweiß verputzt, war früher einmal blau und golden, in den Farben des Himmels, bemalt. Die Schritte hallen auf den schweren Gneisplatten des Fußbodens. Die Fenstervertiefungen enthüllen die Stärke des Mauerwerks. Um 1700 bildete das „Berg-Ambts-Haus“ das Nervenzentrum einer wissenschaftlich-technischen Revolution. Die „aus der mühsamen Erfahrung begriffene Wissenschaft“ wurde in dieser Epoche der Frühaufklärung zur „Meisterin aller Verrichtung“. Aber in dieser Zeit des Übergangs wehte noch ein Hauch herüber aus der Renaissance, der Zeit der faustischen Wahrheitssucher, der Alchemisten und Wünschelrutengänger. In der Gründerzeit des Oberbergamts hatte man die Suche nach dem „lapis philosophorum“, dem Stein der Weisen, noch keineswegs aufgegeben. Doch was man hier fand, war „nur“ ein neuer Begriff – einer, der sich in unserer Epoche als der eigentliche Stein der Weisen entpuppen könnte: Nachhaltigkeit.

Hinter den dicken Mauern amtierte 1713 als sächsischer Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz (1645 – 1714). Geboren auf Burg Rabenstein bei Chemnitz, stammte er aus altem sächsischen Adel. Die Familie war schon seit Generationen für das Jagd- und Forstwesen in Kursachsen zuständig. Der junge Carlowitz wusste vermutlich ganz praktisch, wie man Bäume pflanzt und fällt, Holzstämme flößt und einen Holzkohlemeiler auf 1000 Grad Hitze bringt. Und er kannte von Kindesbeinen an das Gespenst, das damals in den deutschen Landen und in ganz Europa umging: die düsteren Prognosen eines drohenden Holzmangels aufgrund eines langen Raubbaus an den Wäldern und dem damals zentralen Energieträger Holz. Auf seiner mehrjährigen Bildungsreise kreuz und quer durch Europa hat er die Lösungsansätze für die absehbare dramatische Ressourcenkrise studiert.

Die Bilanz seiner Studien und Lebenserfahrung veröffentlichte Carlowitz 1713 – vor 300 Jahren – in einem dicken Wälzer mit dem sperrigen Titel: „Sylvicultura oeconomica – Anweisung zur Wilden Baum=Zucht“. Darin prognostiziert er, dass der einreissende Grossen Holtz=Mangel das Land in den Ruin treiben werde. Und er fordert die nachhaltende Nutzung der Wälder, weil sonst das Land in seinem Esse – in seiner Existenz – nicht bleiben könne, also kollabieren werde. Carlowitz, hoher Beamter des wegen seiner notorischen Verschwendungssucht berüchtigten August des Starken, argumentiert im Interesse des gemeinen Wesens, also des Gemeinwesens, und der lieben Posterität, also der kommenden Generationen. Der Leser erlebt hier die Verknüpfung eines bestimmten Wortes mit einer klar umrissenen Idee. Mit diesem Buch beginnt die Begriffsbildung von Nachhaltigkeit.

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Carlowitz kritisiert das auf kurzfristigen monetären Gewinn – auf Geld lösen – ausgerichtete Denken seiner Zeit. Heute heißt das: let’s make money. Und dann entwickelt er eine überwölbende Idee: Daß die Consumtion des Holtzes sich im Rahmen dessen bewegen müsse, was der Wald-Raum / zu zeugen und zu tragen vermag. Dass man das Holz, das so wichtig sei wie das tägliche Brot, mit Behutsamkeit nutze, sodaß eine Gleichheit zwischen An- und Zuwachs und dem Abtrieb des Holtzes erfolget und die Nutzung immerwährend, continuirlich, und perpetuirlich stattfinden könne.

In barocker, scheinbar schwülstiger Sprache geht es hier mit einer Kühnheit, die uns heute so oft fehlt, um die Beziehung zwischen Ökonomie und Ökologie. Der Maßstab für die Consumtion ist nicht der Markt, sondern das wieder wachsen, das Nachwachsen des jungen Holzes. Forstleute sprechen von „Verjüngung“, Ökologen von „Regeneration“ und der Tragfähigkeit der Ökosysteme. Carlowitz unterscheidet zwischen unserer oeconomie und der Haushaltung der Natur, also der Ökologie. Und er fordert die behutsame Einbettung der menschlichen Ökonomie in die große Haushaltung von mater natura, modern ausgedrückt, die Biosphäre.

Doch seit seiner Vertreibung aus dem Paradies darf der Mensch nicht alles der Natur… alleine überlassen. Vielmehr muss er der vegetation der Erden hierunter zur Hülffe kommen und Verstand und Hand mit anlegen. Dabei darf er aber niemals wider die Natur handeln, sondern muß stets mit ihr agiren. Der Gedanke einer naturgemäßen Ökonomie wird sehr rational begründet: Also soll man… der Natur nach ahmen / weil selbige am besten weiß / was nützlich / nöthig und profitabel dabey ist. Ein Verständnis, das die heutigen Theoretiker einer „green economy“ nur selten erreichen. In diesem Zusammenhang präsentiert Carlowitz seinen Terminus, der die langfristige zeitliche Kontinuität von Naturnutzung zum Ausdruck zu bringen soll. Bei der Erörterung, wie eine sothane Conservation und Anbau des Holtzes anzustellen, daß es eine continuirliche beständige und n a c h h a l t e n d e Nutzung gebe / weil es eine unentbehrliche Sache ist / ohne welche das Land in seinem Esse nicht bleiben mag, erscheint der Urtext unseres heutigen Nachhaltigkeitsbegriffs.

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Carlowitz‘ Wortschöpfung, bald modifiziert zu nachhaltig, etablierte sich im Laufe des 18. Jahrhunderts in der Fachsprache des deutschen Forstleute. Im 19. Jahrhundert übersetzte man sie in andere Sprachen. Ins Englische z.B. mit sustained yield forestry. In dieser Fassung wurde der Terminus im späten 20. Jahrhundert zur Blaupause unseres modernen Konzepts sustainable development. Nachhaltigkeit als Begriff, könnte man sagen, ist ein Geschenk der deutschen Sprache an das globale Vokabular und an die Weltgemeinschaft.

Ob nachhalten und nutzen (Carlowitz, 1713) oder sustain und develop (Brundtland-Kommission, 1987) – stets ist ein Denken in Polaritäten gemeint: die Gleichzeitigkeit von Nutzung und Bewahrung, von Selbstsorge und Vorsorge, von Ökonomie und Ökologie. Was im Hintergrund mitschwingt, ist das machtvolle Gebot aus der biblischen Schöpfungsgeschichte, den Garten Eden zu bebauen und bewahren. Auch Carlowitz zitiert es. Diese Polarität muß immer wieder neu austariert werden. Aber stets geht es um eine Nutzung, die von vornherein so angelegt ist, dass sie nachhält. Im Fokus steht der Gebrauchswert, nicht der Tauschwert, der monetäre Aspekt.. Ins Spiel kommt die Idee der Treuhänderschaft, das Bewusstsein, etwas für jemand anderen, für später, treuhänderisch aufbewahren und verwalten. Bereits hier erscheint nachhalten als Praxis der Vorsorge für die Zukunft – und damit als Praxis der Treuhänderschaft. Auch dieser Gedanke ist heute wieder brennend aktuell.

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Wie konnte ein Begriff aus dem ökonomischen Denken kleiner geschlossener und eng begrenzter mitteleuropäischer Territorien in der globalisierten Welt des 20. Jahrhunderts urplötzlich zum Leitbild für das große Ganze werden? Auf den Fotos aus dem Weltall, die um 1968 von den bemannten Mondflügen zur Erde gesendet wurden, sah sich die Menschheit zum ersten Mal in ihrer Geschichte ganz und gar von außen. Ein epochales Ereignis: Schlagartig wurde man sich im global village bewusst, dass der blaue Planet insgesamt ein geschlossenes, begrenztes System darstellt: spaceship earth. Die Grenzen des Wachstums kamen in Sicht und damit der Zwang zur Selbstbeschränkung – zur Nachhaltigkeit.

Nun stehen wir offenbar am peak oil. Uns droht das Versiegen der Ölquellen. Innerhalb von 200 Jahren haben wir es geschafft, die fossilen Lagerstätten zu plündern und mit ihrer Verbrennung das Ökosystem Klima zu zerrütten. Vor uns liegt als einzige Option der Einstieg in ein neues solares Zeitalter, in der wiederum die Energie der Sonne und der Photosynthese unsere Lebensweise bestimmen wird. Ein weiter so! jetzt mit nachwachsenden Rohstoffen ist freilich ausgeschlossen. Nie und nimmer können erneuerbare Energien eine Industrie- und Konsum-Zivilisation tragen, wie wir sie in nur ein, zwei Generationen aus dem Boden gestampft und globalisiert haben. Wenn wir das nicht rechtzeitig verstehen, wird auch die „Energiewende“ scheitern.

Nachhaltigkeit war ursprünglich und ist heute immer noch eine Strategie der Reduktion unseres Naturverbrauchs. Sie erfordert eine Kultur des Teilens. Eine nachhaltige Gesellschaft wird gerechter sein – und egalitärer – oder ein Traum bleiben. Nur mit einem solchen tief greifenden Verständnis könnte der 300 Jahre alte Begriff tatsächlich zu unserem „Stein der Weisen“ werden.

 

Zum Weiterlesen:

Ulrich Grober, Die Entdeckung der Nachhaltigkeit – Kulturgeschichte eines Begriffs.

Antje Kunstmann Verlag, München, 2010, erweiterte Neuauflage 2013