Treffpunkt Gartenutopie. Sonntag 16 Uhr. Treffpunkt Gemeinschaftsgarten Gartenutopie Chemnitz e.V. an der Peterstrasse. Es ein schwüler Tag. Just aber auf dem Weg vom Chemnitzer Hauptbahnhof zum Treffpunkt erste Regentropfen. Ein Zaun um ein Grünareal, eine offene Tür, auf einer Schieferplatte steht das Wort „Gartenutopie“. Ich bin richtig. Zwei Holzhütten auf dem Areal, zwei Wassercontainer, in denen Regenwasser gesammelt wird, alles andere als herkömmliche Schrebergärten. Zwischen den einzelnen Rabattenbereichen weder Gitter noch Gartenzwerge. Beim ersten Hinschauen ein leicht abfallendes grünes Gelände, in dem an manchen Ecken das Grün wuchert, an anderen eindeutig Geländestreifen gepflegt werden. Ich erkenne Tomaten, Gurken, Kürbisse, schöne Blumen. Unter einem Dach aus stabilem Kunststoff ein Tisch, zwei Bänke, Plastikstühle. Rund um den Tisch sitzen Leute, Leonie Rhode von der Akademie Landpartie erkenne ich sofort, hinter ihr Bertram Weisshaar, Fotograf, Spaziergangsforscher. Man duzt sich sofort, wird eingeladen sich an den Tisch zu setzen, noch erkenne ich nicht, ob die anderen am Tisch Mitwanderer sind. Heisser Kaffee wird ausgeschenkt, es gibt zwei Variationen von Pflaumenkuchen, etwas später kommen die beiden anderen Mitwanderer Caren und Knut. Kaum sind die beiden angekommen, beginnt es zu giessen, wir müssen näher zueinander rücken, wollen wir trocken bleiben. Mehrere heftige Regenschauer und nach etwa 30 Minuten wieder Sonnenschein, endlich ist die grosse Hitze der letzten Tage vorbei. Wo wir sind? Leonie Rhode hatte den Ort gefunden und den Kontakt aufgenommen. Zehn Leute vom Quartier, alle im Alter zwischen 40 und 65, Mitglieder eines Vereins, der eine ehemalige Brache begrünt hat und hier Gemüse, Blumen, Früchte erntet. Früher standen hier drei Häuser, sie waren so verfallen, dass nichts anderes übrig geblieben war als ein Abbruch. Sie hätten sich einen Ort gewünscht, an dem man sich regelmässig treffen könne, eine Alternative zum Zuhausesitzen. Zwei unter ihnen, sie wohnen im Nachbarhaus, haben das Land gekauft, dann wurde der Verein gegründet. Die anderen zahlen Beiträge an Steuern und Gebühren. Wer neu zur Gruppe stossen will, muss erst einmal eine Zeitlang dabei sein, bevor er oder sie Rabatte zugeteilt bekommt. 3000 Quadratmeter gross ist das von ihnen bearbeitete Areal. Als sie im Jahr 2004 hier begonnen haben, lag auf dem Gelände noch Schutt von früher. Erdreich musste beschaffen werden. „Ein Garten ist keine Zwischennutzung“, sagt die Frau, die seit Anbeginn dabei ist. Man entwickle mit der Zeit ein Verhältnis zu den Pflanzen. In diesem Jahr habe es einen hartnäckigen Läusebefall an den Bäumen gegeben, was sie traurig gemacht habe. Man pflegt die eigenen Rabatte, mischt sich in die Art und Weise, wie die anderen ihre Rabatte betreuen nicht ein. Die Früchte des grossen Kirschbaums gehören allen, ebenso die Maiskolben im Maisrechteck im unteren Teil des Gartens. Ein Syrer und ein Afghane gehören zum Verein, zwei Frauen sind jeden Tag auf dem Areal, auf dem ein Bauwagen steht, in dem Material gelagert wird. Man spricht über den Garten, über die Mitglieder, über die Wahlen.

Wahlresultate. Unterwegs zum Restaurant, wo eine Kennenlernrunde stattfinden soll, die ersten Resultate der Wahlen in Sachsen und Brandenburg. Wir gehen eine weite Strecke durch ordentlich konventionell bewirtschaftete Schrebergärten, gehen an Wohnhäusern vorbei aus der DDR-Zeit, Plattenbauten, die renoviert wurden, viele von ihnen zurückhaltend farbig angemalt, wirken freundlicher als in meiner Erinnerung an graue Plattenbauten aus Görlitz. Bertram Weisshaar fährt unser Gepäck zum Restaurant, wir gehen zu viert, schauen manchmal auf die Displays unserer Handys. Leonie Rhode stets mit der Route auf dem Display, zwischendurch kommen die Resultate der ersten Hochrechnung. Beunruhigend die wirklich grossen Gewinne der AfD. In Sachsen haben fast 28 Prozent der Wähler ihre Stimme der AfD gegeben. Immerhin ist die CDU doch stärkste Partei geblieben, wobei unklar ist, wie Ministerpräsident Michael Kretschmer eine Regierungsallianz bauen will, wo die AfD als Partnerin nicht in Frage kommt und die Differenzen zwischen den Grünen und der CDU so gross sind. 18 Prozent mehr Stimmen als an den letzten Wahlen hat die AfD gemacht. Erste Resultate, die wir nicht wirklich besprechen können, weil wir uns beim Essen doch kennenlernen sollen.

Text: Michael Guggenheimer